Interview: Der Magyar Vizsla als Rettungshund

von Sep 18, 2020

Ihr würdet Euren Vizsla gerne rassegerecht auslasten? Und habt darüber nachgedacht, die Nasenarbeit mit Eurem vierbeinigen Gefährten auszubauen? Oder sie sogar im Bereich der Rettungshundearbeit zu professionalisieren? Dann solltet Ihr hier unbedingt weiterlesen. In meinem heutigen Blogbeitrag erfahrt Ihr von einer echten Expertin, was es braucht, um Euren Vischel zum Rettungshund ausbilden zu lassen, wie sich die Nasenarbeit positiv auf das Wesen auswirken kann und wie Ihr – mit einfachen Übungen – auch „zwischendurch“ für tolle Abwechslung sorgt. Neugierig? Dann immer der Nase nach!

Wir alle wissen: Der Vizsla fordert nicht nur ausreichend Bewegung, auch sein Kopf braucht regelmäßige Beschäftigung und Auslastung. Ich denke, die Vizsla-Besitzer werden mir Recht geben, dass sich „Intelligenzübungen“ sehr positiv bemerkbar machen. Und Nasenarbeit ist hier die Paradedisziplin!

Viele von Euch arbeiten daher beispielsweise mit einem Dummy, um das Suchen und Finden gezielt zu fördern. Auch mein Bayard hatte von Beginn an so viel Freude an der Nasenarbeit, dass ich zunächst im Haus, und später dann auch auf Spaziergängen, Leckerlis versteckt habe, die er sich dann im Unterholz erschnüffeln musste. 

Die Freude, die er dabei zeigte, war für mich Grund genug, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. Und wer könnte dafür besser geeignet sein, als eine echte Nasenarbeit-Expertin?

Für meinen Blogbeitrag habe ich mich mit Annkatrin Laukel unterhalten. Sie und ihr Vizsla-Rüde Bjarne sind ein geprüftes und anerkanntes Hund-Mensch-Team im Bereich der Rettungshundearbeit. Werden Personen vermisst, bekommt Annkatrin einen Anruf von der Polizei und unterstützt zusammen mit Bjarne die Suche.

Und wisst Ihr, was das Beste ist? Rettungshund Bjarne ist der Vater meines Vizslas Bayard. Daher war es für mich eine besondere Freude, von Annkatrin alles über diese wunderbare Arbeit zu erfahren. Ein echtes „Familientreffen“ also 😊


Interview


Christina: Hallo Annkatrin. Danke, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst.

Annkatrin: Hey Christina, ich habe mich sehr über Deine Anfrage gefreut. Die Rettungshundearbeit ist eine tolle Sache und ich fände es klasse, wenn sich mehr Vizsla-Besitzer entscheiden würden, ihre Hunde entsprechend ausbilden zu lassen.

Christina: Ich kann mir vorstellen, dass die Arbeit spannend, aber sicher auch fordernd ist. Doch lass uns vorne anfangen: Was hat Dich dazu bewegt, Deinen Bjarne als Rettungshund ausbilden zu lassen?

Annkatrin: Kurz nachdem wir Bjarne damals bekamen, habe ich im Fernsehen einen Beitrag über einen Hund gesehen, der zum professionellen Rettungshund ausgebildet wurde. Ich war sofort fasziniert von der konzentrierten Arbeit des Hundes und der engen Bindung zwischen Mensch und Hund. Für mich war ab diesem Zeitpunkt klar: Das will ich auch machen!

Magyar Vizsla als Rettungshund

Christina: Wie ging es dann weiter? Wohin wendet man sich, wenn man den Entschluss gefasst hat, seinen Hund zum Rettungshund ausbilden zu lassen?

Annkatrin: Ich bin mir sicher, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, aber ich habe mir über das Internet zwei Rettungshundestaffeln in der Nähe meines Wohnortes gesucht und Kontakt aufgenommen. Ich habe den Staffelleitern viele Fragen gestellt und mir zusammen mit Bjarne auch „live“ einen Eindruck von der Arbeit gemacht. Bei der zweiten Staffel hat die Chemie sofort gestimmt. Für mich war das sehr wichtig, denn wenn man sich für eine so zeitintensive Aktivität entscheidet, sollten sich Mensch und Hund wohlfühlen – nicht nur miteinander, sondern eben auch im gesamten Team. Ich kann jedem nur empfehlen, sich mehrere Staffeln anzuschauen und darauf zu hören, was einem das Bauchgefühl sagt.

Christina: Musstet Ihr Euch denn direkt verpflichten oder kann man erstmal ganz in Ruhe „schnuppern“?

Annkatrin: Unsere Staffel bietet Interessenten an, unverbindlich ein paar Trainings zu besuchen. Aus meiner Sicht ist das der richtige Weg. Denn nur so kann ich entscheiden, ob diese Art der Arbeit etwas für mich und meinen Hund ist. Die Rettungshundearbeit ist eben nicht nur ein Hobby, sondern eine echte Verantwortung, für die man sich aus vollem Herzen entscheiden sollte.

Nach den Probetrainings schließt unsere Staffel standardmäßig einen Probevertrag für ein Jahr ab, so dass man hier auch nochmal schauen kann, ob Mensch und Hund die nötige Zeit und Leidenschaft mitbringen. Erst nach diesem Jahr sind dann auch Bjarne und ich voll eingestiegen.

Christina: Hast Du durch die Ausbildung positive Veränderungen an Bjarne beobachten können?

Annkatrin: Absolut! Bjarne liebt seine Arbeit und ist mit vollem Herzen dabei. Das habe ich von Anfang an gemerkt. Und obwohl er schon immer ein eher ruhiger und ausgeglichener Vizsla war, haben sich diese Eigenschaften in der Ausbildung noch verstärkt. Natürlich helfen die regelmäßigen Trainings auch dabei, den Gehorsam zu stärken. Ebenso hat sich die Beziehung zwischen Bjarne und mir intensiviert. Wir sind bei einem Sucheinsatz aufeinander angewiesen und vertrauen einander zu 100 %. Das geht so weit, dass ich Bjarne auf Spaziergängen auch 100 Meter vorlaufen lassen kann. Er ist auch auf Distanz und ohne Sichtkontakt zu jeder Zeit ansprech- und abrufbar.

Außerdem springt Bjarne niemanden an. Dieses Verhalten hat bei der Suche einen so wichtigen Stellenwert, dass er es nur dann und nur bei mir als Hundeführer anwendet. Aber das kann ich später noch ein bisschen ausführen…

Christina: Ja, gerne. Vorher würde ich aber nochmal zu dem Punkt „ruhig und ausgeglichen“ zurück; bei Vizslas bekanntermaßen ein schwieriges Thema. Auch mein Bayard, der durch Bjarne ja offenbar die besten genetischen Voraussetzungen gehabt hätte, ist eher Typ „unruhiger Geist“. Und ich kenne viele Vizsla-Besitzer, deren Hunde leicht erregbar oder nervös sind. Sind solche Vischels denn überhaupt für den Einsatz als Rettungshund geeignet?

Annkatrin: Grundvoraussetzung ist meiner Meinung nach, dass der Hund Lust hat, mit seinem Menschen zusammenzuarbeiten und lernwillig ist – beides würde ich den meisten Vizslas attestieren, da die Rasse genau dafür gezüchtet wurde. Physisch machen sich auch ihre Langbeinigkeit, Kondition und von Natur aus gute Nase bei der Suche bezahlt.

Nichtsdestoweniger spielt es schon eine Rolle, ob mein Vizsla sozial im Umgang mit fremden Menschen und Hunden ist. Immerhin arbeiten wir in der Staffel als Team und sind zusammen unterwegs. Die anderen Dinge, die es braucht, sind dann aus meiner Sicht reine Trainingssache. Ich habe schon bei einigen Hunden mitbekommen, dass sie durch die konstante, rassetypische Auslastung ruhiger und ausgeglichener geworden sind. Denn so ein Sucheinsatz fordert vom Hund höchste Konzentration und vollen Körpereinsatz.

Magyar Vizsla Bjarne als Rettungshund

Christina: Ok, das sind jetzt die Voraussetzungen, die der Hund mitbringen muss. Wie sieht es denn mit den Anforderungen für den Menschen aus? Kann jeder Hundebesitzer ein guter Rettungshundeführer werden?

Annkatrin: Auch hier würde ich sagen, dass Vieles erlernt und trainiert werden kann. Wichtig ist aber, sich klar zu machen, dass die Arbeit als Hund-Mensch-Team nicht nur viel Zeit in Anspruch nimmt, sondern eine Verpflichtung bedeutet. Wir sind auch im Schichtdienst tätig und müssen auf Abruf bereitstehen. Wenn ein Mensch vermisst wird, kann man eben nicht sagen „Heute keine Lust“ oder „Och nö, es regnet“. Wenn wir zum Einsatz gerufen werden, geht es raus – und das bei Wind und Wetter. Ab diesem Zeitpunkt beginnt dann für Bjarne und mich die Arbeit. Und das Vergnügen.

Christina: Wie genau läuft ein solcher Einsatz ab?

Annkatrin: Sobald die Polizei meldet, dass Hunde für die Suche einer vermissten Person benötigt werden, wird unser Staffelleiter alarmiert. In meinem Fall ist das praktischerweise mein Mann und Bjarnes Herrchen Maxi. Wir bekommen also immer hautnah mit, wenn der Ruf zum Einsatz kommt 😉.

Maxi bespricht als Staffelleiter die nötigen Details mit der Polizei und stimmt den Einsatzort ab. Danach trommelt er die Staffelmitglieder zusammen und wir haben Zeit, die Bestätigung (Belohnung) für unsere Hunde vorzubereiten. Anschließend fahren wir alle gemeinsam zum Einsatzort und werden dort vom Einsatzleiter der Polizei eingewiesen, bekommen weitere Infos und eine Karte, die zeigt, welche Gebiete wir mit unseren Hunden absuchen sollen.

Christina: Wow, das klingt spannend! Wie lange dauert denn ein solcher Such-Einsatz?

Annkatrin: Die Suchzeiten für einen Hund liegen zwischen 30 Minuten bis hin zu 1,5 Stunden. Abhängig davon, wie fit und erfahren er ist. Zu Beginn stürmen unerfahrenere Hunde für gewöhnlich los, weil sie sich so freuen, endlich loszulegen. Mit der Zeit gewöhnen sie sich ein gemäßigteres Tempo an und halten dementsprechend länger durch. Bjarne war, was das angeht, ein echtes Naturtalent und ich konnte ihn von Anfang an sehr lange einsetzen.

Christina: Wo wir gerade über Zeit sprechen: Wie lange dauert denn überhaupt die Ausbildung zum Rettungshund?

Annkatrin: Zwischen zwei und drei Jahren, je nachdem wie viel Zeit man in die Ausbildung investiert. Der Hund muss das sichere Verweisen der vermissten Personen erlernen, der Hundeführer den Umgang mit Karte und Kompass. Auch eine Funkausbildung und ein Erste-Hilfe-Kurs – wohlbemerkt an Mensch und Hund – gehören zur Ausbildung dazu.

Auch nach der Ausbildung ist die Arbeit natürlich nicht abgeschlossen. Wir trainieren einmal pro Woche, um die Anzeige zu festigen oder die Führigkeit zu verbessern. Alle 14 Tage finden dann längere Suchen im Wald statt, bei denen wir etwa sechs Stunden beschäftigt sind.

Christina: Sind die Trainings auch nötig, um Bjarnes Nase „sensibel“ zu halten?

Annkatrin: Ja. Nur regelmäßiges Trainieren erhält Bjarnes sogenannte Suchkondition. Diese wird alle zwei Jahre in einer Einsatzfähigkeitsprüfung getestet. Und in dem Jahr dazwischen sind wir verpflichtet, an einer speziellen Einsatzübung teilzunehmen. Die Trainings helfen, uns darauf vorzubereiten.

Christina: Du hast vorhin einmal erwähnt, dass Bjarne keine Menschen anspringt, weil diese Geste bei der Rettungshundearbeit eine so wichtige Rolle spielt. Kannst Du das noch einmal genauer erklären?

Annkatrin (lacht): Achja, richtig, da war ja noch was! Am Anfang der Rettungshundearbeit steht die Entscheidung für eine Verweisart, also die Methode, mit der der Hund seinem Führer anzeigt, dass er einen Menschen gefunden hat. Üblicherweise unterscheidet man hier zwischen drei Arten: Dem Verbeller, dem Rück- oder Freiverweiser und dem Bringsler.

Magyar Vizsla Bjarne zeigt durch Anspringen den Fund einer vermissten Person an.

Unter dem Verbeller dürften sich die meisten etwas vorstellen können: Der Hund bellt, wenn er einen Menschen findet. Der Rückverweiser läuft – wie der Name schon sagt – zurück zu seinem Hundeführer und zeigt dort beispielsweise durch Ablegen, das Ziehen an einem Gürtel oder das Anspringen, einen Fund an. Der Bringsler erhält seinen Namen durch das typische Hilfsmittel, das Bringsel: Das ist ein meist stockförmiger Gegenstand, der am Halsband des Hundes befestigt ist. Sobald der Hund diesen aufnimmt, weiß ich als Hundeführer, dass eine Person gefunden wurde.

Bjarne gehört zur letztgenannten Gruppe und arbeitet mit einem solchen Bringsel. Aber während unserer Ausbildung haben wir beispielsweise auch das Rückverweisen geübt, so dass Bjarne das Anspringen als Verweisart kennengelernt hat, die er eben ausschließlich während der Arbeit einsetzen darf und soll.

Magyar Vizsla als Rettungshund mit Bringsel
Bjarne trägt hier sein von Annkatrin selbst hergestelltes Bringsel am Halsband.

Christina: Ich kann mir vorstellen, dass Viele jetzt Lust bekommen haben, mit Ihrem Vizsla die Nasenarbeit zu trainieren. Gibt es eine Übung, um die Suchfähigkeit meines Vizslas gezielt zu trainieren?

Annkatrin: Aber klar! Am Anfang versteckt man am Besten einen Futterbeutel oder ein Spielzeug (Dummy) in der Wohnung und lässt den Hund danach suchen. Wenn der Hund es zurückbringt, wird er mit einem Leckerli belohnt. Mit der Zeit werden die Distanzen langsam ausgeweitet und beispielsweise im Garten oder auf Spaziergängen trainiert. Die Schwierigkeit der Suche lässt sich übrigens nicht nur über die Distanz steigern, sondern auch, indem man das Suchobjekt unter Laub und Geäst oder erhöht auf einem Baumstamm platziert.

Eine weitere Stufe wäre dann, dass sich eine Person zusammen mit dem Futterbeutel versteckt. Hierbei sollte man unbedingt mit einem Geschirr arbeiten und sich vom Hund an der Leine führen lassen. Bei der Aufregung der Suche ziehen unerfahrene Hunde gerne mal und sie sollen sich ja nicht die Luft abschnüren.

Sind Person bzw. Objekt gefunden, kann man dann noch das Verbellen trainieren. Also, dass der Hund durch Bellen anzeigt, dass er etwas gefunden hat. Dazu muss als Einzeltrainingseinheit natürlich zunächst das „Bellen auf Kommando“ eingeübt werden.

Christina: Zum Schluss noch eine Frage: Welchen Rat würdest Du jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, in die Rettungshundearbeit einzusteigen?

Annkatrin: Ich denke, es kommt auf die eigene Einstellung an. Auch Bjarne und ich hatten Tage, an denen es gar nicht lief. Da sollte man cool und gelassen bleiben und den Frust nicht etwa an seinem Hund auslassen. Man darf nie vergessen, dass wir als Hundeführer mit einem Lebewesen mit ganz eigenen Bedürfnissen arbeiten, das eben auch mal einen schlechten Tag haben darf.

Ganz wichtig ist aber auch, sich der Verantwortung bewusst zu sein, die man als Hund-Mensch-Team in der Rettungshundearbeit eingeht. Aber man wird belohnt: Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der eigene Hund eine vermisste Person findet und man damit vielleicht sogar ein Menschenleben rettet.

Christina: Annkatrin, ich danke Dir herzlich für das Interview. Ich habe viele Inspirationen mitgenommen und freue mich, mit meinem Bayard jetzt fleißig zu üben.

Annkatrin: Es hat mir auch Spaß gemacht, von meinen Erfahrungen zu berichten!


Ihr wollt noch mehr über die Rettunghundearbeit erfahren? Oder habt konkrete Fragen zum Ablauf der Ausbildung und den Prüfungen? Ihr könnt Annkatrin über ihre Website kontaktieren. Da findet Ihr außerdem noch viele weitere Fotos.

Kleines Schmankerl: Rettungshund Bjarne steht übrigens auch als Deckrüde zur Verfügung. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dabei ganz wunderbare Welpen entstehen. 😊

Bis dahin: Stay Vizsladdicted!

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